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05.06.2021, 17:18 Uhr
Freifunk in Minstedt
Vorbild für weitere Ortschaften?
Stefan Imbusch und Marc Breitenfeld, die beiden CDU-Bürgermeisterkandidaten aus Bremervörde und Gnarrenburg, trafen sich vor Kurzem in Minstedt, um sich über die dortige Freifunk-Initiative zu informieren und um die Idee der Initiative ein Stückweit mitzunehmen. Neben den „Freifunkern“ war u.a. Minstedts Ortsvorsteher Fridtjof Schröter dabei.
Freifunker Jan Karow (2. v. r.) mit Gnarrenburgs Bürgermeisterkandidat Marc Breitenfeld (von links), Minstedts Ortsvorsteher Fridtjof Schröter und dem Bremervörder Bürgermeisterkandidaten Stefan Imbusch
Minstedt: Ein kleiner Ort, sieben Straßen, eine Kreuzung, keine Ampel. Und der Großteil der Ortsdurchfahrt ist ein sogenannter „weißer Fleck“. Hier gibt es quasi keinen Mobilfunk, denn dieser Teil des Ortes liegt in einer Senke. Funktürme aus Bevern oder Bremervörde können hier nicht richtig genutzt werden. Gerade in Zeiten von COVID-19 findet aber mehr denn je das Dorfleben wieder im Dorf statt. Man schlendert durch den Ort, trifft sich am Spielplatz oder verabredet sich auf einen Spaziergang zur Ostebrücke. All das ist nun möglich, da eine Initiative von Freifunkern den Ortskern nahezu flächendeckend mit freiem WLAN versorgt. So kann man im Ort nicht nur den Messenger nutzen, sondern ist auch über seine Mobilfunk-Rufnummer erreichbar, sofern Gerät und Anbieter Wifi-Calling (auch bekannt als „WLAN-Call“) unterstützen. So kann man auch spontan das Home-Office verlassen und bleibt erreichbar. Auch ältere Menschen wären in der Lage, das mobile Telefon zu nutzen, falls sie wider Erwarten mal Unterstützung benötigten oder nur melden möchten, dass sie unterwegs durch ein Gespräch aufgehalten wurden. Was andernorts eine Selbstverständlichkeit ist, musste in Minstedt erst erarbeitet werden.
 
Damit all das funktioniert, benötigt man Leute, die anpacken. Eine Initiative dreier Ortsansässiger hat dies auf den Weg gebracht, unterstützt von den Einwohnern, die das Problem kennen und deshalb einen Freifunkrouter bei sich aufstellen und ihn im besten Fall zusätzlich mit dem eigenen Internet-Anschluss verbinden. Kosten und Risiko für Mitmacher sind gering, denn es fallen nur Stromkosten von geschätzten 10€ bis 15€ im Jahr an und das, was über die Leitung geht, geht per VPN (Virtual Private Network) nach Hannover und dann erst ins freie Internet. Auch ist eine Grenze definiert, wie viel Leistung vom eigenen Router maximal dem Freifunk zur Verfügung gestellt wird. Wer also einen Funkrouter aufstellt, unterstützt die Sache und kann für etwaige Aktionen im Netz nicht haftbar gemacht werden (Stichwort: Störerhaftung). Rund ein Dutzend dieser Freifunk-Router sind schon aufgestellt und funktionieren einwandfrei, ein weiteres Dutzend soll folgen. Ein schöner Vorteil dieser Lösung: Einmal angemeldet – immer angemeldet. Selbst wenn man sich im Dorf bewegt, meldet sich ein Gerät immer an dem am besten erreichbaren Freifunkrouter an und wechselt selbstständig die Verbindung (Roaming3). Dafür ist keine besondere Vorrichtung oder Software auf dem Smartphone nötig. Für das Anmelden an diesem frei verfügbaren Netz ist nur die Verbindung herzustellen und schon kann losgesurft werden. Keine vorgeschalteten Ansichten mit Werbung, keine AGBs, denen man zustimmen müsste. Ferner ist auch keine Eingabe eines Schlüssels nötig. Das heißt aber gleichzeitig: Achtung, Freifunk ist ein unverschlüsseltes Netzwerk, Bankgeschäfte oder andere wichtige Dinge sollten nicht ohne Weiteres im Freifunk-Netz getätigt werden.
 
Die Idee des Freifunks fasziniert auch die beiden Bürgermeisterkandidaten Stefan Imbusch und Marc Breitenfeld. Sich über das Thema Breitband austauschend, wurde man auf das Freifunk-Projekt in Minstedt aufmerksam und sieht hier eine Möglichkeit, dies in anderen Kommunen einzusetzen, die infrastrukturell schlechter angebunden sind. Bei einem Treffen in der Ortsmitte Minstedts wurde über das Projekt, die Ziele und die Lösungsbestandteile gesprochen. „Es ist immer wieder beeindruckt, wie viel Engagement und Innovationskraft in unserem kleinen Orten steckt“, so Stefan Imbusch, der darin großes Potenzial für weitere Ortschaften sieht. Auch für Marc Breitenfeld ist klar: „Unbürokratische und ehrenamtliche Initiativen sind Gold wert – solche Aktionen will und werde ich nach Kräften unterstützen!“
 
Die „besondere Lage“ des Ortes war ebenfalls Bestandteil der Diskussion und dass es schon oft diskutiert wurde, woran es fehlt. Die Lösung, die mit Freifunk herbeigeführt wurde, fand besonderen Beifall, denn so muss kein Funkturm her. Es muss nicht über Strahlung gesprochen und den Standort eines Turmes gestritten werden, oder wie die Kosten zu verteilen sind. Die jetzige Lösung setzt auf einzelne, modulare Bausteine, die nahezu beliebig erweiterbar sind. Alles findet auf freiwilliger bzw. ehrenamtlicher Basis statt und macht deutlich, was mit Eigeninitiative möglich ist. Beide Kandidaten sehen das Problem für Minstedt als gelöst an, berichteten aber davon, dass es auch in den nächsten Jahren immer irgendwo „weiße Flecken“ geben wird, weil sowohl Gnarrenburg als auch Bremervörde viele ländlich gelegene Ortsteile hat. Minstedt hat in dieser Frage eine Lösung gefunden, auf die man später gerne zurückgreifen möchte und so weitere Ortsinitiativen gezielt unterstützen kann.
 
Fridtjof Schröter, Ortsvorsteher in Minstedt, begrüßt das Freifunk-Projekt und stellt Ortsmittel bereit, um das Projekt in Zukunft weiter finanziell zu unterstützen. „In dieser Konstellation haben wir schon öfter zusammengearbeitet, z. B. um größere Events auf dem Sportplatz mit mobilen Diensten auszustatten in einer Zeit, bevor es den von der Stadt geförderten, freien WLAN-Hotspot am Sport- und Spielplatz gab“, so Schröter.
 
Vorbereitet werden die Router vom Minstedter Freifunk-Team, bestehend aus Sönke Holsten, Hendrik Schnakenberg und Jan Karow. Letzterer hat über die Verbindung zum Freifunk Hannover auch Router aus dem Förderprogramm / Digitalpakt des Landes Niedersachsen erhalten und die beiden leistungsstärksten Router direkt in der Ortsmitte verankert. Ein paar kleine Lücken gibt es im Ort noch zu stopfen, sagte der Informatiker. Er ist aber recht zuversichtlich, dass dies mit den verbleibenden Routern gemanagt werden kann, wenn das „Meshing“, das Vernetzen der Router, dann flächendeckend ist, habe man sehr viel erreicht. Primär dient es in diesem Fall der allgemeinen Mobilfunk-Abdeckung, genauso gut könnte man so aber auch Haushalte mit schnellem Internet-Versorgen, die keine Möglichkeit haben, sich an das Glasfasernetz anschließen zu lassen. Der Ausbau des Glasfasernetzes geht manchmal schwer nachvollziehbare Wege. So ist das obere Dorfende Minstedts mit Glasfaser versorgt, aber nach den ersten 10 Häusern endet die Glasfaseroption, da man hier, zumindest theoretisch, 25 Mbit/s im Download erreichen könnte, wechselte man den Anbieter. Hier gibt es faktisch allerdings nur Geschwindigkeiten von maximal 14 Mbit/s oder weniger. Mit Freifunk und dem bereits angesprochenen Meshing wäre es möglich, die am Dorfende durch Glasfaser erreichten Download-Geschwindigkeiten im Gbit/s-Bereich weiter in den Ort zu tragen, auch wenn das natürlich aufgrund technischer Limitierungen nur mit Abstrichen möglich ist. Mit zwei Dutzend Routern wäre aber so ein flächendeckendes Netz möglich und so manch einer könnte auf die ungewöhnliche Idee kommen, seinen eigenen Internet-Anschluss zu kündigen und seine Festnetznummer, die i. d. R. bereits eine VoIP-Nummer ist, einfach zu portieren.
 
Wer sich über Freifunk in Minstedt informieren möchte oder sehen will, wo genau die Router stehen, besucht https://freifunk.minstedt.de oder informiert sich allgemein über die nicht-kommerzielle Freifunk-Initiative unter www.freifunk.net.